Weniger ist mehr

Der Sommer ist vorbei. Definitiv, denn wir haben November. Irgendwie bin ich selber aber stecken geblieben, irgendwo im August, glaube ich. Jetzt sitze ich da, werde gewahr, dass der August schon eine ganze Weile lang her ist, dass seither so viel geschehen ist und dass ich über mehrere Wochen wohl im Ausnahmezustand agiert habe, so dass mir innerlich der rote Faden verloren gegangen ist. Und das Zeitgefühl gleich mit.

Ich weiß aus Gesprächen, dass ich mit diesem Phänomen nicht allein dastehe. Ich weiß allerdings nicht, wie ich dem entgegensteuern kann. Noch nicht. Aber ich habe da so eine Idee...

 

Weniger ist mehr, so könnte das Motto lauten. Und es geht zunächst darum, nicht mehr so viel in einen Tag zu packen, sondern statt dessen mir selbst Freiraum zu lassen. Zum Beispiel für eine kleine Runde Yoga. Oder für eine Atem-Meditation. Für eine Tasse Tee, ganz ungestört. Oder zum Lesen. Zum Musik genießen. Oder für einen Spaziergang im Wald, nicht etwa für die körperliche Fitness, sondern zwecks der mentalen Erholung.

 

Mein nächster Schritt ist, immer mal wieder Dinge, die ich tue, ganz bewusst zu tun. Für mich heisst das so viel wie: ganz darin aufzugehen, in dem Augenblick ganz "da" zu sein, ganz da, wo ich gerade bin, ganz bei dem, was ich gerade tue. Hineinspüren, wie sich das in mir anfühlt, wie es mir gerade genau jetzt dabei geht, ohne etwas zu werten oder verändern oder verbessern zu wollen. Das geht beim morgendlichen Zähneputzen, beim Kaffeetrinken, beim Einsteigen ins Auto kurz vor dem Losfahren. Das geht besonders gut mit dem Partner Pferd... und bestimmt auch mit Hund oder Katze oder welches Tier auch immer einen festen Platz in unserem Leben hat. Es geht bei vielen kleinen Tätigkeiten, die wir im Alltag automatisiert erledigen. Bewusst gemacht, können wir uns damit kleine Auszeiten schenken, einen Moment des sich Zentrierens und des bewussten Zurücktretens von der (oft selbstgemachten) Hektik im Tagesablauf.

 

Mein Ziel ist nicht, in tiefstem Seelenfrieden mit mir selbst und der Welt im Reinen abgeklärt durchs Leben zu schweben - das würde einfach nicht zu mir, zu meinem Charakter passen. Ich wünsche mir aber durchaus eine gute Portion mehr innere Ruhe und Gelassenheit. Und ich wünsche mir dafür einen Anker. Etwas, an dem ich mich festhalten kann und auf das ich zurückgreifen kann, wenn ich merke, dass ich einen Anker im stürmischen Alltag brauche, egal wo gerade ich bin und womit auch immer ich gerade beschäftigt bin. Mich in solchen Situationen zum Beispiel ganz auf den Atem zu konzentrieren kann helfen. Oder eben eine kleine unscheinbare Tätigkeit ganz bewusst auszuführen. Oder für einen Moment ganz in mich hineinspüren, die Gedanken, die durch meinen Kopf stürmen, sausen lassen und nur wahrnehmen, wie es mir gerade geht. Ohne Wertung, ohne Kommentar, ohne Verbesserungsvorschläge und ganz ohne inneren Druck. Das gehört geübt, damit es abrufbar ist. Jeden Tag ein bisschen. Kostet vielleicht anfangs Überwindung, weil man ja tatsächlich erst mal Zeit dafür reservieren muss, erst mal Einschränkungen im Arbeitspensum hinnehmen muss, um Übezeit zur Verfügung zu haben. Jeden Tag. Doch das Beste daran ist, dass ein bisschen weniger gleich viel mehr ist! Denn belohnt werde ich mit einem großen MEHR an Energie, auch an innerer Ruhe und Gelassenheit und besonders an Motivation und Lebensfreude. Und damit laufe ich dann viel weniger Gefahr, den roten Faden oder gar mich selbst zu verlieren, sondern ich kann mich und mein Leben jeden Tag, jeden Moment aufs Neue annehmen, gerade so wie ich bin und wie es kommt.